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Hochsensible - die Hellsichtigen von heute

Da ich selber von Geburt an zu den "Sensibelchen" gehöre, ist es mir ein besonderes Anliegen einmal darüber zu schreiben wie es uns eigentlich geht. Erst letzte Woche kam eine junge Frau in meine Praxis und sie meinte: " Ich glaube mit mir stimmt etwas nicht. Mir wird Alltägliches gleich zu viel, obwohl der Arzt sagt, dass ich völlig gesund bin. Ich habe das Gefühl ich brauche Urlaub vom Leben, weil alles irgendwie Stress macht und ich mich gar nicht von den anderen abgrenzen kann." Wenn ich solche und ähnliche Aussagen höre denke ich: "Oh schön, du gehörst also auch zu den (laut neuesten Studien) geschätzt 20% Menschen, die über die Besonderheit der Hochsensibilität verfügen."


Was bedeutet es so zu sein?
Wir Hochsensible sind eben anders und das meist schon von Geburt an. Körperlich könnte man das so beschreiben, dass wir durch spezielle neurologische Schaltungen im Gehirn besonders viele Reize wahrnehmen, positive wie auch negative. Alle Situationen werden intensiver erlebt als bei „Normalfühlenden“ und genau das bringt eben Probleme mit sich. Wir sind schneller reizüberflutet als andere und brauchen dadurch auch mehr Rückzugsmöglichkeiten um die Reize zu verarbeiten und uns seelisch zu erholen. Menschen die sich dieser Besonderheit nicht bewusst sind, erleben ihre Hochsensibilität als starke Belastung. Mir ist wichtig diesen Menschen und auch ihren Angehörigen zu zeigen, dass es eine besondere Art zu leben und auch eine Gabe ist, aber keinesfalls eine Schwäche oder gar ein Makel.  In unserer Hochgeschwindigkeitszeit mangelt es vielen Menschen an Sorgfalt im Umgang mit sich selbst und im Miteinander. Um etwas mehr Verständnis, Achtsamkeit und Wertschätzung für hochsensible Menschen ins Bewusstsein zu bringen, gebe ich gerne meine Erfahrungen in diesem BLOG-Beitrag weiter.

Sind wir als Hochsensible nicht gestört?
Die Begrifflichkeit der Hochsensibilität ist bei uns in Europa noch wenig bekannt, doch die neurologischen Hintergründe werden in den USA intensiv erforscht. Die amerikanische Psychotherapeutin und Autorin Elain N. Aron (Aron, Elain N.: Sind sie hochsensibel? mvg Verlag München) war eine der ersten die sich mit hochsensiblen Menschen therapeutisch beschäftigte und darauf hinwies, diese besondere Begabung NICHT mit geistiger-, mentaler- oder psychischer Störung zu verwechseln! Na Gott sei Dank - wir sind nicht gestört, sondern ganz normal in unserer „Hellsichtigkeit“.

Wieso sind wir so?
Hochsensibilität zeigt sich bereits in der Kindheit. Ich war als Kind emotional sehr empfindsam, ein zurückhaltendes Sensibelchen, dass sich nicht gerne an "wilden Spielen" beteiligte. Ich war eher vorsichtig und beobachtete erst genau, bevor ich mich auf Menschen und Situationen einlassen konnte. Es wurde mir dann als Schwäche und Feigheit angekreidet, was mich beim Heranwachsen dazu trieb mir eine raue Schale zuzulegen, um nicht an meiner Sensibilität zu Grunde zu gehen. Das ist aber nur ein Punkt von vielen wie wir uns der Umwelt zeigen.  Den "typisch Hochsensiblen" gibt es nicht, dennoch haben wir viele Gemeinsamkeiten.  Früher hat man gedacht, dass Hellsichtigkeit/Hellfühligkeit eine persönliche Veranlagung oder ein spezieller Charakterzug sei. Heute weis man, dass es eine neurologische Besonderheit ist, die man auch fördern und ausbilden kann. Besonders viele Vernetzungen in bestimmten Hirnarealen sorgen dafür, dass wir viele Reize intensiver und zur gleichen Zeit aufnehmen. Diese Besonderheit wird oft auch genetisch vererbt, muss aber nicht. Ich beispielsweise, habe diese Begabung von meiner Oma übernommen. Vielleicht hast auch du von einem deiner Vorfahren diese Hochsensibilität geerbt. Frag mal nach. ;-)

Kennst Du das auch?
Wir Hochsensiblen haben einige Gemeinsamkeiten. Je unbewusster wir uns dessen sind, desto mehr sehen wir diese Besonderheit als Makel. Wir leiden darunter, dass wir zu allem eine Vorahnung haben, ein "bestimmtes Gefühl" uns nicht ruhig sein lässt und dass wir nicht so hart im Nehmen sind wie andere. Wir sind oft unglaublich streng mit uns selbst aus Angst zu versagen und trainieren uns nicht selten aus Schutzgründen Disziplin und Härte an. In unserer Seele aber, fühlen wir uns immer noch sehr zerbrechlich. Sehr gefühlsbetont leben wir ein Leben von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Was für den Nichtsensiblen eine Kleinigkeit bedeutet, ist für uns oft schon ein Extrem. Wir denken zu viel, grübeln, hinterfragen alles und jeden. Und das nur, weil wir nicht ein oder zwei Möglichkeiten wahrnehmen, sondern zuviele. Wir brauchen mehr Erholungsraum um nachzudenken und wir sehnen uns immer nach einer "Oase für unsere Seele". Echt kompliziert wird es, wenn wir uns selber (noch) nicht als hochsensibel wahrnehmen und dazu stehen dürfen, sondern wenn wir (immer noch) denken, wir sind gestört und reif für die Klapse. Wenn ich bei meinen Klienten das Thema Hochsensibilität und Hellsichtigkeit anspreche, schauen mich die meisten ganz überrascht und mit großen Augen an und fragen: "...hochsensibel, ich?" Natürlich gibt es auch psychisch Erkrankte, aber oft sind es eben verkannte Hochsensible die z.B. in eine Depression abrutscht sind. Das Wichtigste für uns ist diese Begabung als positiv zu sehen und mit den negativen Aspekten in Einklang zu bringen. Zugegeben, das ist kein Spaziergang. Aber vielen Hochsensiblen geht es durch ihr Nichtwissen um ihre Besonderheit schlecht und nicht, weil sie psychisch krank oder gestört sind. Wenn ich mich selbst erkenne und weis was ich brauche, kann ich von meinem Umfeld mehr Rücksichtnahme einfordern und mit mir selber rücksichtsvoller umgehen.

Unser Talent und unser Potenzial
Erkennen wir unser eigentliches Potential und fördern es, dann können wir diese Begabung auch bewusst einsetzen. Somit empfinden wir es nicht mehr als Fluch und Belastung, sondern wir erkennen in unserer Besonderheit auch das Nützliche. Zum Beispiel in Berufen wo besondere Empathie gefragt ist oder in der Kommunikation mit Menschen. Eigentlich überall dort, wo ein Hochsensibler zuerst seine Schwächen gesehen und aus Angst und Verunsicherung auf Rückzug geschaltet hat, steckt eigentlich seine wahre Begabung. Ich möchte all jene die sich in diesen Worten beschrieben sehen ermutigen, ihr "Anderssein" nicht als Makel zu empfinden, sondern sich selbst mit anderen Augen wahrzunehmen. Wir haben eine ausgeprägte Intuition, merken immer alles zuerst, ahnen Entwicklungen voraus und wir können uns und andere darauf vorbereiten. Das gilt für unseren Beruf, unser Privatleben und die gesellschaftliche Entwicklung. Bei uns Hochsensiblen dauert es oft lange, bis wir den richtigen Beruf gefunden haben, da wir Beruf und Berufung gleichsetzen. Auch unser gesamtgesellschaftliches Anliegen ist geprägt von Ausgleich und Gerechtigkeit, somit finden wir meistens Erfüllung in Berufen die für Entwicklung stehen und in denen wir andere und uns selbst weiterbringen können. Viele Hochsensible sind in beratenden Berufen tätig, als Lehrer und Dozenten, Therapeuten und Sozialarbeiter oder sie leben ihre Kreativität in künstlerischen Berufen als Musiker oder Schriftsteller aus. In vielen Berufen ist unsere Empfindsamkeit ein echter Vorteil. Ein weiteres Plus ist unser Einfühlungsvermögen und die Empathie, die wir anderen entgegenbringen können. Wir spüren die Schwingung unserer Mitmenschen und stellen uns drauf ein - leider auch manchmal bis zur Selbstverleugnung. All diese Eigenschaften machen uns auch zu guten Zuhörern und zu fürsorglichen Menschen. Wir haben auch ein sehr ausgeprägtes Harmoniebedürfnis, was auf jeden Fall positiv ist, uns leider manchmal aber daran hindern kann für uns und unsere Bedürfnisse einzustehen, einfach aus Angst vor Konflikten.

Was sollten wir für uns tun?
Hochsensibel zu sein ist eine Herausforderung. Der erste Schritt ist überhaupt zu erkennen, dass man hochsensibel ist. Dann kann ich lernen damit umzugehen und individuelle Strategien für mich entwickeln. Durch gezielte Ruhepausen, Meditation oder Spaziergänge (allein oder mit Hund), können wir innere Balance herstellen und lernen diese Balance auch zu halten. Du hast sicher selbst schon etwas gefunden das dir gut tut und zu deiner "inneren Oase" geworden ist. Bilder malen, tanzen, schreiben, Kreuzworträtseln, etc. Sport ist auch gut, besonderes solcher der sich nicht am Wettbewerb orientiert, sondern eher spielerisch ist wie Joggen, Yoga, Golf, Tanz oder Eislauf. Hochsensible Menschen konkurrieren normalerweise nicht gerne mit anderen. Ganz wichtig finde ich den intensiven und täglichen Kontakt zur Natur und zu den Tieren. Ich selbst leide regelrecht darunter, wenn, aus welchen Gründen auch immer, mein täglicher Spaziergang mit meinem Hund ausfällt. Ich brauche diese Zeit-Oasen um Erdung zu finden, mich wohlzufühlen, um gesund zu bleiben und auch um Kraft für den Alltag zu tanken.    Ich habe auch schon angesprochen, dass Hochsensible die Tendenz haben, sich häufiger zurückzuziehen. Als zeitlich begrenzte Ruhepause um zur inneren Mitte zu kommen ist das auch gut. Allerdings neigen wir besonders in Krisen und schweren Zeiten dazu, uns vor der Welt zu verstecken. Das führt längerfristig zu Isolation und so verlieren wir auch unsere soziale Kompetenz. Da hilft nur eins: "Augen zu und durch". Auch wenn wir gerade in schwierigen Situationen keine Lust verspüren in die Öffentlichkeit zu gehen um uns mit Freunden zu treffen, sollten wir diese Gelegenheit nutzen. Dazu sind Freunde und Freundinnen schließlich auch da! :-)


Man kann lernen seine Fähigkeiten gerade im Hinblick auf die eigene Vergangenheit neu zu bewerten. Viele Probleme die sich aus dieser Hochsensibilität ergeben lösen sich wie gesagt schon durch die Erkenntnis. Andere Erfahrungen lassen sich von einem neuen Blickwinkel heraus betrachtet und auch neu interpretieren. Stärke deine hochsensiblen Ressourcen und entwickle deine ganz persönliche Strategie mit deinem Talent umzugehen. Statt sich an Normen anzupassen, kannst du die Normen an dich anpassen, sodass sie dir guttun. Betrachte die Welt von deinem eigenen Standpunkt aus. Du wirst mit deiner Beobachtungsgabe, Intuition und persönlichen Beurteilung sicher nicht irren.

Solltest du dich durch meine Worte angesprochen fühlen, dann wünsche ich Dir viel Freude und Erfolg beim Umsetzen! Ich weiss, manches ist leichter gesagt als getan, darum stehe ich dir gerne als Beraterin in einer Einzelsitzung zur Verfügung, oder lehre dich deine besondere Begabung im Beruf ein- und umzusetzen.

Alles Liebe und danke für’s Lesen!

Karin Waltl